VR – das kann ins Auge gehen. Oder: Warum Brillenträger intelligenter wirken.

Sollte die Augenärzte-Lobby aus Sorge um ihr zukünftiges Geschäft eine Kampagne lancieren, sie wäre mit „VR für alle“ gut beraten. Diese Sorge ist aber überhaupt nicht angebracht. Die Patienten rekrutieren sich selbst. Was aber hat all das mit disruptiven Medien zu tun? Auf kurze Sicht wenig – wobei, bei genauerem Hinsehen gerade da sehr viel.

Wer weiß, was Myopie ist? Myopie ist der medizinische Fachbegriff für Kurzsichtigkeit. Und wer weiß, warum uns Brillen intellektueller wirken lassen? Weil in vergangenen Zeiten die Quote an Brillenträgern insbesondere bei belesenen und gebildeten Menschen überproportional hoch war. Dies war eine logische Konsequenz dessen, dass sie wortwörtlich ihre Nase häufiger in Bücher steckten. Die Folge davon: Das Auge arbeitete die überwiegende Zeit im weit weniger fordernden Nahsehmodus. Das hat vermehrt zu Defiziten im Weitsehmodus geführt – die Charakteristik der Kurzsichtigkeit.

Nun leben wir aber nicht in vergangenen Zeiten. Wesentliche Prinzipien kennzeichnen sich aber durch eine gewisse Zeitlosigkeit: Was die besonders Geschäftstüchtigen unter den Augenärzten freuen dürfte, ist die folgende Grafik, die ich aus einem Google-Vortrag mitgebracht habe:

Technologie kann in's Auge gehen
Technologie kann in’s Auge gehen

Der Radio war oft noch in einem anderen Raum. Der Fernseher ein paar Meter weit weg, der Computerbildschirm 80 Centimeter vom Auge entfernt, das Tablet 50 und das Smartphone ist es nur mehr etwa 30 Centimeter. So häufig, wie wir diese Devices nutzen, erscheint es wenig überraschend, dass auf lange Sicht immer mehr Menschen kurzsichtig werden. VR-Brillen (<10cm) sind da noch gar nicht mit aufgeführt.

Die Devices pirschen sich uns also immer näher an. Allen jenen, die sich nun die Frage stellen, ob damit zumindest das Ende der Fahnenstange erreicht ist, empfehle ich übrigens diesen Beitrag.

…und die Moral von der Geschicht‘? Keine Ahnung, Augenarzt werden vielleicht; oder einfach mehr am Meer sitzen, oder in den Bergen, auf den Horizont schauen und die Gedanken schweifen lassen. Zur Not geht das auch in der Straßenbahn. Die in meiner Kindheit noch gegenwärtige, zu Unrecht geschmähte Kulturtechnik des „Bled Schauens“ oder das „Ins Narrenkastl Schauen“ (bundesdeutsch in etwa mit „ziellos in die Gegend starren“ zu übersetzen) wird heute vom „Blöd auf den Bildschirm Schauen“ ersetzt (ein Rundumblick in der U-Bahn sollte als Beleg reichen – oder, noch einfacher: was machst du denn gerade?). Das „Narrenkastl“ scheint sich in seiner Bedeutung hingegen transformiert zu haben und ist von der physisch undefinierbaren Ferne auf in etwa 30 Centimter Distanz herangerückt.

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