Die, communication workshop, die! Oder: Wie man wirklich lernt, Kommunikation zu verstehen

Vorweg genommen, die Antwort ist einfach: Lesen! Weniger gute Antwort: ein Communication Workshop.

Viele meiner Zunft (grob gesprochen also alle jener „Irgendwas mit Medien“-Menschen) haben häufig das Problem: Ihre Kompetenz wird als Allerwelts-Kulturtechnik angesehen. Ich in diesem Zusammenhang bewusst von einer Zunft. Gute Kommunikation hat viel mit sich anzueignendem, „handwerklichem“ Geschick und Wissen im Umgang mit der Materie „Sprache“ gemein.

Schreiben kann jeder“ – klar, hat man ja schon in der Volksschule gelernt und reden ja sowieso. Was jeder kann, ist nicht viel wert. Zweifellos ist es schön und eine überragende Errungenschaft der Menschheit, dass nahezu jeder gesunde Mensch dazu in der Lage ist, seine Grundbedürfnisse mehr oder weniger exakt oder elegant zu artikulieren und sich zu vermitteln. Dass die bloße Grundtechnik zu beherrschen (hier: Sprechen und Schreiben) allerdings noch nichts mit ihrer optimalen und professionellen Anwendung zu tun hat, ist ebenso wahr. Ich weiß, wie man einen Pinsel hält und ihn in Farbe tunkt. Aber schön malen kann ich keineswegs, leider. Ein Strichmännchen krieg‘ ich aber hin.

Im Umkehrschluss zur – zurecht – gängigen These, dass Sprache Realität konstituiert, meine ich: Man kann nur jenes kommunizieren, was man auch zu denken im Stande ist; zumindest, wenn es sich um bewusste Kommunikation handelt. Wenn ich malen würde, könnte ich mir etwa nicht so richtig vergegenwärtigen, wie das Bild am Ende aussehen sollte – wiederum leider. Ein Maler schon. Einen beachtlichen Anteil an der Geringschätzung von Kommunikation als Qualität verursacht die Branche jedoch selbst.

Kommunikation selbst ist ein sehr gut erforschtes Thema. Ihr Ergebnis wird aber nicht besser, wenn man es um jeden Preis der wirtschaftlichen Verwertbarkeit unterwerfen will. Kommunikative Quick-Wins und Finten, der letzte SEO-Trend, das Ziel, andere vermittels Sprache „umprogrammieren“ zu wollen. Dieser ganze manipulative Dreck, der wiederum nur wirtschaftlichen Absichten nutzen soll, ist schuld. Dieser Dreck ist schuld daran, dass sich professionelle, qualitative Kommunikation heute in konstantem Rechtfertigungsdruck wiederfindet.

Ein gutes Buch statt schlechtem Communication Workshop

Ich habe in meiner beruflichen Laufbahn immer miterlebt, dass Kollegen oder ich selbst auf den einen oder anderen Communication Workshop geschickt wurden. Sie solltenFortbildungen zum aktuellen Kommunikationstrend machen und so weiter. An Kommunikationsverbesserung gemessen bringt das ganz ehrlich betrachtet sehr wenig.

Was ich in all den Jahren nie gesehen habe: Dass einmal jemand seine (Arbeits-)Zeit damit zubrachte, Kommunikation wirklich verstehen zu wollen. Diese ganzen Fortbildungen mögen ihren Zweck kurzfristig und in Teilen erfüllen. Viel sinnvoller wäre es jedoch, wenn die Kommunikatoren stattdessen – auch in der Arbeitszeit – endlich einmal fundierte Werke, etwa von Watzlawick oder Chomsky, lesen würden, die ihre Halbwertszeit bereits unter Beweis gestellt haben!

Dann wären sie in Kommunikation nämlich nicht nur „ausgebildet“, sondern tatsächlich „gebildet“ – würden somit ihr Handwerk auch verstehen, anstatt immer wieder das gleiche Modell T mit Worten zusammen zu schrauben. Und, sie würden ihre Kommunikation mit der nötigen Ethik und Kenntnis beständig weiterentwickeln. Aber: Wer würde im Job zwei, drei Stunden damit zubringen, in einem Buch zu schmökern?

Liebe Arbeitgeber: Vor dem nächsten „B2B-Kommunikation-mit-Canvas-Ads-auf-NLP-Basis-&-dessen-limbisch-verortbarer-Retargeting-Potenziale“-Workshop investieren Sie in Ihre Mitarbeiter besser die Kosten für ein gutes Buch. Und die Lesezeit dafür!

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