Krisen-PR als Antwort auf die PR-Krise? Das Geld liegt im Dreck.

Bis vor wenigen Jahren sind neue PR-Agenturen regelrecht aus dem Boden geschossen. Die Goldgräberstimmung ist aber seit längerem vorbei: gesättigter Markt, kriselnde Konjunktur sowie reduzierte und hart am für Auftragnehmer gerade noch Möglichen (oder darunter) kalkulierte Etats sorgten für beinharten Verdrängungswettbewerb. Überdies vertrocknen die am Markt frei verfügbaren liquiden Mittel nahezu. Viele Wettbewerber sind in eine veritable Krise gerutscht. Zynische Konsequenz aus dieser Entwicklung: ist Krisen-PR die Rettung aus der PR-Krise?

Einen Etat für sich zu entscheiden wurde zunehmend schwieriger. Der Wettbewerb ist rau, jeder planbare Euro im Agenturgeschäft bitternötig. Zu allem Überdruss lassen viele Auftraggeber potenzielle Auftragnehmer mit der Aussicht auf den Zuschlag eines Rund-Um-Sorglos-Pakets zu Dumping-Preisen aufeinander los, bei deren Anblick allerspätestens Agenturen vor wenigen Jahren nicht mal ans Pitchen gedacht hätten. Und dabei muss man fast schon froh sein, wenn man als Agentur die Gewissheit und Planungssicherheit einer knausrigen Pauschale hat.

Steckt also kein Geld mehr in der PR? Doch, in Krisen-PR.

Ganz so ist es nicht. Wie sich an zahlreichen medial reflektierten Beispielen zeigt, ist der Bedarf nach professioneller Kommunikation ja nicht verschwunden – ganz im Gegenteil. Steckt der Karren gröber im Dreck – weil zum Beispiel frühere Verfehlungen plötzlich publik zu werden drohen – sind sonst knallharte Verhandler plötzlich auch mal recht spendabel. Drei Voraussetzung muss der kommunikative Retter in der Not dann mit sich bringen: Schnelligkeit, Diskretion und oftmals ein erhebliches Maß an moralischer Flexibilität.

  • Welche Euphemismen taugen dazu, die durch plumpe Fehler verursachte Schieflage dem wirtschaftlichen Gesamtumfeld und/oder Standort anzulasten?
  • Wie schafft man es, früher erstellte Gefälligkeit(sgutacht)en aus dem öffentlichen Fokus herauszuhalten und gar nicht oder unter „ferner liefen“ aufscheinen zu lassen?
  • Wer kann im Nachhinein unredliche politische Verflechtungen kommunikativ als nicht vorhanden darstellen?
  • Wie verhält man sich bei Hausdurchsuchungen?
  • Oder etwa wie übt man durch Öffentlichkeitsarbeit Druck auf den Ausgang von Strafverfahren aus?

Für  Antworten auf dergeartete Fragen ist Geld da. Viel Geld. Wahrscheinlich mehr als je zuvor.
Oft (aber nicht immer!) werden die dementsprechenden Maßnahmen unter Krisen-PR oder Litigation-PR subsumiert. Wer bereit ist, sich die Hände schmutzig zu machen, kann auch weiterhin gutes Geld verdienen. Mögen muss man das halt auch.

HINWEIS: diese Einschätzung hängt sich nicht an konkreten Fällen oder Unternehmen auf, eine generell merkbare Tendenz in diese Richtung ist aber zu konstatieren. UND: keineswegs agieren alle involvierten Personen fragwürdig – und selbst wenn, scheint das wohl oft als Selbstschutz, nicht ganz genau hinzusehen und stattdessen „professionell“ zu agieren. Dies lässt eine gewisse Systemimmanenz vermuten. Weniger bedenklich wird es dadurch aber keineswegs.

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