read.it-App will Spotify für Magazine sein

Kann das gelingen? Nun ja, so nicht. Die Ansage des Blendle-Konkurrenten read.it lautet: Über 200 Titel und 85 Prozent des heimischen Medienmarktes stehen dem österreichischen Nutzer zur Verfügung. Werbefinanziert als Gratisversion oder ab 9,99 Euro monatlich als Premium-Produkt. Das große Problem liegt jedoch ganz wo anders.

Ich habe mir heute die App aufs Tablet gesaugt und mich gefreut, einen Grund zu haben, um das Tab endlich wiedermal in die Hand zu nehmen. Ein erster Blick bestätigt: Bereits zum Start sind allerhand Publikumsmedien mit an Bord. Profil, Woman, Wiener Zeitung usw. usf. Soweit so gut.

Doch sobald’s ans Eingemachte geht, fühle ich mich ein paar Jahre in die Vergangenheit versetzt. Zwar sind alle kooperierenden Medien mit der aktuellen Ausgabe vertreten und gratis abrufbar – durchgängig jedoch als E-Paper. Sprich: die 1:1 Print-Variante auf dem Bildschirm, vergleichbar etwa mit Publikationen auf Issuu.com.

image (4)

Das ist Crossmedia 1.0, wo es noch geheißen hat: Ein Inhalt (in unveränderter Form) auf mehreren Kanälen. Doch sehr 2010, wie ich finde. Mittlerweile ist der Mindestkonsens schon längst, dass es einer kanaladäquaten Aufbereitung des Contents bedarf. Dabei sind die jeweiligen Anforderungen und Stärken der einzelnen Kanäle sowie das Zielpublikum zentral.

Stattdessen bekomme ich das jeweilige Magazin als PDF inkl. Print-Werbesujets (etwa mit QR-Code – soll ich den jetzt mit dem Handy vom Tablet-Screen scannen?) und meist nicht klickbaren Links. Und responsive ist hier natürlich schon mal gar nichts. Für ein neues Projekt ist das meinem Verständnis nach schon vom Start weg doch recht antiquiert.

Ein schönes – oder eigentlich gar nicht schönes – Beispiel ist die an sich gute Wiener Zeitung, die ja im Großformat daherkommt. Dieses auf dem Tablet abgebildet ist schon etwas absurd. Klar, ich kann bzw. muss reinzoomen, mit Usability oder Lesefreundlichkeit hat diese Nicht-Aufbereitung aber wenig zu tun.

image (3)

 

Skurrile Erfahrung: TV-Programm

Eine seltsame Erfahrung habe ich noch gemacht; zwar mit Sicherheit nicht wesentlich, aber doch erwähnenswert. Besonders skurril wird der Use Case bei dem im Repertoire befindlichen Fernsehprogramm TV Media. Ich öffne eine App, um darin in einem PDF zu blättern, um dort dann die richtige Tabelle zu finden, in der ich nach aktuellen Sendungen suchen kann. Warum, zum Geier, sollte ich das tun?! Mir fiele das im Traum nicht ein, wenn ich nach dem TV-Programm sehen möchte.

Wenn ich auf’s Blättern steh‘, blättere ich in der „echten“ Printausgabe, ansonsten checke ich das Programm doch viel bequemer, unkomplizierter und schneller online. In einer print-identen Bildschirmversion nachzuschlagen, die sich selbst allen Vorteilen des Digitalen beraubt hat …muss man wohl mögen. Aber gut, dafür kann ich hier auch alte Ausgaben des Fernsehprogramms durchblättern, wenn mir danach ist 😉

 

(K)ein Argument für Medienhäuser: Die Erscheinungsform bleibt unangetastet

„Angezeigt werden die E-Paper-Ausgaben der teilnehmenden Zeitungen und Magazine. Das habe den Vorteil, dass die Verlage die Kontrolle über das Erscheinungsbild behalten würden, sagt Bauer.“ (Ich nehme an, gemeint ist Geschäftsführer Jörg Braun, Anmerkung).

Die größte Schwäche des Produkts soll also die große Stärke für die kooperierenden Medienhäuser sein? Die Brand Integrität bleibt also aufgrund der EXAKT GLEICHEN DARSTELLUNG wie im Print gewahrt? Die Optik der Printausgabe soll die wesentliche Grundlage des Brands sein?

…wenn sich Medienhäuser tatsächlich darüber freuen sollten (siehe Pluspunkte 2 & 3 in diesem Presse-Artikel), dann weiß ich schön langsam nicht mehr, wo ich mit der Aufzählung beginnen soll, was man als Medium heute eigentlich noch alles falsch machen kann.

 

Fazit read.it:

Der Tablet-Hype ist vorbei – wäre er das nicht und dieses Produkt einige Zeit früher auf den Markt gekommen, hätte es noch zeitgemäß erscheinen können. Vor wenigen Jahren etwa. Heute wirkt es vom Start weg überholt. So würde sich meine Mutter Cross Media vorstellen – nur, dass sie nicht weiß, was das überhaupt ist…

Mir erscheint read.it eventuell noch wie ein ganz praktisches Produkt für die Generation Silver Surfer, die sich darüber freut, dank des vor drei Jahren zu Weihnachten geschenkt bekommenen Tablets einen Zeitungsstoß weniger zu Hause verstauben lassen zu müssen – für die die Digitalisierung aber bereits dort auch schon wieder endet.

Bei read.it sieht man das anders: „Read.it wende sich vor allem an jüngere Zielgruppen von 14 bis 45 Jahren, die vielfach den Kontakt zu klassischen Medien bereits verloren hätten und sich vorwiegend über Facebook oder News-Aggregatoren im Web informieren würden.“ (futurezone.at)
Die Bereitschaft der jüngeren Generation, auch in Zukunft PDFs am Bildschirm zu lesen, halte ich für überschaubar.

Die Zukunft wird zeigen, wer Recht behält.

Eine kleine, ergänzende Amerkung: 1x abgestürzt, 1-2 Hänger beim Laden der Werbevideos in der Free-Version, aber das sei am ersten Tag nach dem Launch verziehen.

 

Wenn also zukünftig wiedermal jemand etwas ähnliches vorhat: Ich stehe gerne für Fragen oder Sparring des Konzepts zur Verfügung! …natürlich auch via Facebook.

Share

No comments

  1. Der Kritik muss ich voll zustimmen. Auf dem Smartphone ist die App völlig sinnlos. Man verbringt fast mehr Zeit mit herumscrollen als mit lesen. Wie es deutlich besser geht sieht man z.Bsp. in der c’t App. Zwar fehlen dort auch die multimedialen Inhalte, aber das Format wird perfekt an die Bildschirmgröße angepasst.

Kommentar verfassen