Was wir von Deichkind lernen können

Heute spielt Deichkind in Wien. Was das mit der Entwicklung der Medienwelt zu tun hat? Viel!
Das Kollektiv identifiziert und setzt Themen – und das traditionell durch Disruption: „Wir wollten das ganze Ding gegen die Wand fahren. Aber die Wand war nicht stabil genug.“
Was übrig bleibt, ist Erfolg dort, wo andere zu Grunde gehen.

Deichkind auf ihre Musik zu reduzieren, ist stark verkürzend. Klar ist es legitim, einfach die Songs gut (oder auch nicht) zu finden und sich nicht weiter damit zu beschäftigen. Eine genauere Auseinandersetzung mit dem Kollektiv, bei dem nicht mal so klar ist, ob es jetzt aus 3, 10 oder 50 Personen besteht, ist aber äußerst lohnend! Insbesondere Akteuren im teils arg gebeutelten Mediengeschäft, denen die Entwicklungen nur so um die Ohren rauschen, sei dies besonders ans Herz gelegt!

Erste Berührungspunkte

„Bon Voyage“ war mein erster Kontaktpunkt. Zu der Zeit war ich junger Teenager und konnte damit recht wenig anfangen, ich mag das Lied bis heute nicht wirklich. „Limit“ etwas später schon eher, dann „Komm schon“, das mir aufgrund des selbstironischen Videos die Band letztlich sympathisch gemacht hat. Das alles war noch die späte Zeit von MTV, meine Wahrnehmung dieser Hip-Hop-Band eher passiv, als dass ich mich tatsächlich dafür interessiert hätte …dann länger nichts.

Und eines Tages, in den ausklingenden 00er-Jahren, ist Deichkind plötzlich wieder da, und wie! Als dadaistischer Organismus, der so hart am Zeitgeist segelt, dass es schon fast wehtut – wenn die zelebrierte und überinszenierte Selbstzerstörung nicht soviel Spaß machen würde! Yippie, Yippie, Yeah!

Seit Remmi Demmi war Deichkind dick da und hat keine Anstalten gemacht, wieder zu verschwinden, wenn sie es nicht selber wollen. Das Faszinierende daran: Hinter alldem steckt Substanz, das wird häufig übersehen, ist aber wesentlich. Mit jedem neuen Hit über die Jahre haben sie gesellschaftliche Entwicklungen, Themen oder Verhältnisse jeweils vorweggenommen, teils sogar gesetzt. An Malcom Gladwell angelehnt kann man also davon sprechen, dass sie Tipping Points nach vorne gerückt haben – oder diese zumindest früher erkannten als andere.

Letztes Beispiel war etwa der Auftritt bei den Echo-Awards im März 2015, als die ganze Party Posse mit „Refugees Welcome“ im Allover-Print am Roten Teppich als erste öffentlich ein deutliches Statement setzte – man vergisst schnell, aber das war Wochen bevor der Diskurs mit Angela Merkels Aussagen zur Aufnahmepolitik auch in der Gesellschaft so richtig angekommen ist. Oder die heute schreckliche Phrase „Leider geil“, die ihren Ursprung im gleichnamigen Deichkind-Track von März 2012 hat und retrospektiv zum österreichischen Jugendwort 2012 erkoren wurde. Mit „Bück‘ dich hoch“ und „Yippie, yippie, yeah – Krawall und Remmi Demmi“ fallen vielen sofort weitere Stehphrasen ein, die aufs Konto der Hamburger gehen. Trends mit derartiger Beständigkeit zu setzen oder zu identifizieren, das kann kein Zufall sein – ist es auch nicht.

Deichkind: Trendscouts, Peter Kruse und The KLF

Mit diesem Gedanken schon länger schwanger gehend, bin ich letzten März auf ein knappes, aber sehr aufschlussreiches Interview gestoßen, das Andreas Rottenschlager fürs Red Bulletin mit Deichkind führte. Darin habe ich erstmals mögliche Erklärungen für das beeindruckende Einfühlungsvermögen in gesellschaftliche Dynamiken gefunden. Wobei im gleichen Atemzug gesagt werden muss, dass DK meist die Konfrontation dieser, denn ein Arrangement damit, sucht. Aber dafür muss man sie zunächst identifizieren.

DJ Phono (Henning Besser, = La Perla) erzählt etwa: „Wir haben vier Angestellte, die für uns soziale Medien nach Trends durchforsten. Außerdem schicken wir sie in die Clubs nach Berlin und New York. Die gehen für uns feiern und schreiben dann Berichte.“ … „Wir lesen auch Bücher. ‚Der schnelle Weg zum Nr.1 Hit‘, zum Beispiel. Von KLF, einer britischen Elektro-Band der Achziger und frühen Neunziger. Standard-Lektüre, haben wir alle drei gelesen. Keine Verarsche jetzt. Echt.“ …
Auf die Frage Rottenschlagers, welches YouTube-Video denn bitte kreativer mache: „Prof. Peter Kruse über Kreativität“ (Anmerkung: unbedingt anschauen!)

Übrigens: Die „Kommandozentrale“ dafür ist die Deichkind Enterprise GmbH & Co KG mit Sitz auf St. Pauli. Um aus alledem erst etwas zu machen, bedarf es natürlich kluger Köpfe. Viel wichtiger ist aber, dass ihr „Premiumprodukt“ erst das Ergebnis langer und intensiver Auseinandersetzung ist. Es braucht offenbar schiere Massen an relevantem Input, um daraus dichtes, relevantes Substrat zu generieren. Entwicklungen vorwegzunehmen oder aufrichtig zu versuchen, diese schneller und besser zu denken, als andere – wer den Mut dazu aufwendet, kann damit also beeindruckend erfolgreich sein. In der Medienwelt sei’s so manchem hinter die Ohren geschrieben.

Disruption par excellence

Eine gewisse anarchistische Grundeinstellung und die Idee, sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen, sind dafür nicht von Nachteil, wahrscheinlich sogar essenziell. Und das Schöne daran ist: Auch wenn es paradox klingt, befeuert gerade dies die eigene Relevanz.

In einem launigen SZ-Interview wurden die Jungs mit dem Thema Scheitern konfrontiert:

SZ: Eigentlich wurdet ihr erst erfolgreich, weil ihr als reine Hip-Hop-Band kommerziell nicht mehr funktioniert und euch radikal verändert habt.
La Perla: Stimmt, wir haben das Scheitern sogar bewusst provoziert. Auf das Hip-Hop-Ding hatten wir keinen Bock mehr. Wir wollten den Laden dichtmachen. Deshalb haben wir Müllsäcke übergezogen, uns live besoffen und sind zu Techno-Beats über die Bühne gekullert. Wir wollten den Bruch und dachten: Nach spätestens fünf Shows ist das endgültig vorbei.
Porky: Wir wollten das ganze Ding gegen die Wand fahren. Aber die Wand war nicht stabil genug.
(…)

SZ: Ist das ein Ziel, den Zeitgeist treffen?
La Perla: Für mich ist das schon ein Ziel. Wir verdichten Themen im Schaffensprozess. Und dadurch, dass die Gruppe so heterogen ist, ist die Chance auch noch, dass etwas herauskommt, das Relevanz für viele Menschen hat.

Ein schöner Schlusssatz. Jetzt geh‘ ich auf’s Konzert. Exzess ist wichtig!

Interviews:

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