Faster, faster! — Longtermism, Accelerationism und die Frage, wohin die Zukunft eigentlich soll

Kurzfassung: Accelerationism und Longtermism wirken auf den ersten Blick wie Gegensätze, maximale Geschwindigkeit gegen radikale Geduld. Sie teilen aber dieselbe demokratische Leerstelle. Eine kleine Elite entscheidet über Richtung und Tempo einer Zukunft, von der alle betroffen sind. Eine Lektüre von Jonathan Whites In the Long Run (2024) und ein Plädoyer dafür, die Frage anders zu stellen.


Marinetti liebte das Auto. Nicht wegen seiner Transportfunktion, die war ihm gleichgültig. Er liebte es, weil es die Tethers der Natur durchschnitt: das rasende Auto als Maschine der Befreiung von Kontinuität, von Verpflichtung, von der Schwerkraft des Gestern. „Ein rasendes Auto ist schöner als die Nike von Samothrake“, schrieb er 1909. Seitdem hat sich dieses Gefühl nicht groß verändert. Nur die Fahrzeuge sind andere geworden. Statt Bugattis: Starship-Raketen. Statt Marinetti: Elon Musk. Statt Futuristisches Manifest: Posts auf X.

Was sich auch nicht verändert hat, ist die Frage, die diese Ästhetik zuverlässig verdrängt. Schneller wohin?

Was Accelerationism ist und warum er keine Randerscheinung mehr ist

Accelerationism bezeichnet eine politisch-philosophische Position, die technologischen und gesellschaftlichen Wandel nicht bremsen, sondern maximal beschleunigen will. In seiner Reinform lautet die Überzeugung: Jede Regulation ist Widerstand gegen die Zukunft. Jede demokratische Abwägung ist Verzögerung. Das System soll durch Beschleunigung zum Kollaps oder zur Transformation gebracht werden, je nach Variante links oder rechts gelesen.

In seiner Silicon-Valley-Mainstream-Variante ist Accelerationism weniger radikal, aber strukturell ähnlich: Technologie soll nicht gebremst werden, weil sie die einzige Kraft ist, die echte Probleme lösen kann. Regulation hält sie auf. Märkte sollen entscheiden, welche Technologien sich durchsetzen. Der Staat soll sich raushalten und wird umgangen, wenn er es nicht tut.

Das ist keine Verschwörungstheorie. Marc Andreessen hat es 2023 in seinem „Techno-Optimist Manifesto“ so formuliert: „We believe in accelerationism.“ Und er ist nicht allein. Halb Silicon Valley unterschreibt sowas mittlerweile zum Frühstück.

Longtermism: der philosophische Zwilling der Beschleunigung

Auf den ersten Blick scheint Longtermism das Gegenteil. Keine Eile, kein Tempo, sondern radikale Geduld. Die von William MacAskill, Nick Bostrom und anderen Oxforder Philosophen geprägte Bewegung argumentiert, dass wir primär an die weit entfernte Zukunft denken müssten. Da potenziell Billionen Menschen in kommenden Jahrhunderten existieren könnten, überwögen ihre Interessen die der heute Lebenden massiv. Alles, was existentielle Risiken für die Menschheit minimiert, sei moralisch geboten, auch wenn die Kosten in der Gegenwart hoch ausfallen.

Jonathan White beschreibt in In the Long Run (2024) eine strukturelle Ähnlichkeit zwischen Longtermism und der liberalen Tradition des langen Geduldszuges. In beiden Fällen wird die Gegenwart zur Vorstufe und werden die Menschen von heute zu Statisten in einem Projekt, dessen Nutznießer weit entfernt in der Zukunft leben. Wer den Preis zahlt? Jene, die heute arm, krank, marginalisiert oder von Klimafolgen betroffen sind. Die theoretischen Billionen Zukünftigen können bei dieser Frage erstaunlich konsequent schweigen.

Longtermism und Accelerationism sind politisch verschieden, teilen aber eine epistemische Haltung. Eine kleine Gruppe von Experten und Philanthropen hat die besseren Urteile darüber, was für die Menschheit gut ist. Demokratische Deliberation der heute Lebenden wird der Tiefe dieser Urteile angeblich nicht gerecht.

Beschleunigung ohne Richtung: die politische Leere

Das Grundproblem beider Positionen ist nicht ihre Zeitlichkeit, sondern ihre demokratische Leerstelle. Wer entscheidet, in welche Richtung beschleunigt wird? Bei Marinetti war die Antwort klar: der Führerkörper, der die Energie des Augenblicks verkörpert. Bei Musk lautet die Antwort ähnlich: der visionäre Unternehmer, der den Mut hat, das zu tun, wovor andere zurückschrecken. Bei den Longtermisten: eine Gruppe von Philosophen und Philanthropen, die sich für besonders gut darin halten, über sehr lange Zeiträume nachzudenken.

In keinem dieser Fälle findet eine demokratische Legitimation statt. Die Zukunft wird entschieden, aber nicht von jenen, die in ihr leben werden.

Degrowth: die Politik der bewussten Verlangsamung

Degrowth fordert, Wirtschaft dort zu schrumpfen, wo Schrumpfung ökologisch notwendig und sozial gerecht möglich ist. Bewusste Reduktion von Produktion und Konsum in reichen Ländern, kombiniert mit Umverteilung und Aufbau sozialer Infrastruktur. Politisch ist Degrowth eine Position, die ich in dieser Form nicht teile, weil die zentrale Geste das Verzichten ist und der Gestus eine Verkleinerung. Sie steht trotzdem im Feld, und zwar an einer Stelle, die ein bestimmtes Versäumnis sichtbar macht: Sie nimmt Tempo als Verteilungsfrage ernst. Verlangsamung trifft nicht alle gleich. Wessen Wohlstand auf Wachstum basiert, verliert. Wer ihn nie hatte, gewinnt unter Umständen Zeit, Luft und öffentliche Güter, die unter Wachstumsdruck verdrängt wurden.

Genau das ist der Punkt, den auch eine andere, nicht von Verzicht her gedachte Zukunftspolitik mitnehmen müsste. Tempo ist nie eine technische Frage. Wer schneller will, will schneller in die Richtung von jemandem.

Marinetti wollte die Museen zerstören. Was wollen wir?

Geschwindigkeit ist keine Tugend. Langsamkeit auch nicht. Es gibt kein politisches Argument für Tempo oder Entschleunigung, das ohne den Bezug auf das auskommt, was durch das jeweilige Tempo für wen erreicht oder verfehlt wird.

Die demokratische Frage lautet nicht: Wie schnell soll die Zukunft kommen? Sie lautet: Wer darf über Richtung entscheiden, und welche Verfahren stellen sicher, dass diese Entscheidung revidierbar bleibt?

Marinetti hatte auf diese Frage keine Antwort. Er hatte ein Gefühl. Das reicht heute genauso wenig wie damals.


Häufig gestellte Fragen

Was ist Accelerationism, und wie unterscheidet er sich von gewöhnlichem Tech-Optimismus?
Accelerationism bezeichnet die politisch-philosophische Überzeugung, technologischen und gesellschaftlichen Wandel maximal zu beschleunigen, statt ihn zu bremsen. In seiner Reinform gilt jede Regulation als Zukunftsbremse, jede demokratische Abwägung als Verzögerung. Marc Andreessens „Techno-Optimist Manifesto“ (2023) formuliert das explizit. Der Unterschied zu allgemeinem Tech-Optimismus: Accelerationism akzeptiert Kollateralschäden, sofern die Beschleunigung groß genug ist.

Was ist Longtermism und welche Kritik gibt es daran?
Longtermism ist eine philosophische Strömung (William MacAskill, Nick Bostrom), die fordert, zukünftige Generationen moralisch höher zu gewichten als gegenwärtige. Begründung: in fernen Jahrhunderten könnten Billionen Menschen existieren. Die Kritik: Die Menschen von heute werden zu Statisten in einem Projekt, dessen Parameter eine kleine Elite definiert, ohne demokratische Legitimation. Wer den Preis zahlt, also Arme, Klimabetroffene, Marginalisierte, kommt in der Bewegung selten ins Bild.

Was haben Accelerationism und Longtermism trotz ihrer Verschiedenheit gemeinsam?
Beide teilen eine demokratische Leerstelle. Eine kleine Gruppe, also visionäre Unternehmer, Philosophen oder Philanthropen, trifft Entscheidungen über Tempo und Richtung einer Zukunft, von der alle betroffen sind. Demokratische Deliberation gilt in beiden Fällen als zu langsam, zu begrenzt oder zu kurzsichtig. Jonathan White identifiziert diese Struktur als Kontinuität der liberalen Gedulds-Tradition.

Was ist Degrowth, und warum ist es politisch unbequem?
Degrowth fordert eine bewusste Reduktion von Produktion und Konsum in reichen Ländern, verbunden mit Umverteilung und dem Aufbau sozialer Infrastruktur. Es ist politisch unbequem, weil es direkt in die Verteilungsfrage greift. Verlangsamung trifft nicht alle gleich. Wessen Wohlstand auf Wachstum basiert, verliert. Eine demokratische Zukunftspolitik muss sich nicht zwingend an Degrowth ausrichten, aber den Punkt mitnehmen: Tempo ist immer eine Verteilungsfrage.


Jonathan White: „In the Long Run: A Political History of the Future“. Princeton University Press, 2024.
William MacAskill: „What We Owe the Future“. Basic Books, 2022.

Dieser Beitrag erscheint auf mediapunk.org und wurde von Konrad Fux verfasst.