Fortschritt als Einbahnstraße — die Zeitzonenpolitik des Kolonialismus

Kurzfassung: Der Kolonialismus hat Gesellschaften nicht auf einer geografischen, sondern auf einer temporalen Karte einsortiert: nicht „anders“, sondern „früher“. Diese Zeitzonenpolitik legitimierte Zerstörung und überlebt bis heute, von der Weltbank-Klassifikation bis zum Tech-Solutionismus. Eine Lektüre von Jonathan Whites In the Long Run (2024) und ein Versuch, die Karte selbst infrage zu stellen.


Der Marquis de Condorcet schrieb 1795, aus dem Untergrund, während er vor der Terrorherrschaft des Komitees der öffentlichen Sicherheit floh: „Der Fortschritt dieser Völker wird wahrscheinlich rascher und sicherer sein als unserer, denn sie können von uns alles empfangen, was wir selbst herausfinden mussten.“ Empfangen, wohlgemerkt. Nicht entwickeln, nicht erfinden, nicht selbst entscheiden. Der aufgeklärte Condorcet, einer der Wegbereiter des modernen Humanismus, hat in einem einzigen Satz die Grundstruktur des kolonialen Denkens über Zukunft formuliert: Es gibt einen Weg. Europa ist voraus. Der Rest kommt nach.

Diese Struktur ist nicht gestorben. Sie hat sich umgezogen.

Was die Zeitzonenpolitik des Kolonialismus war

Zeitzonenpolitik bezeichnet die Praxis, verschiedene Gesellschaften nicht auf einer geografischen, sondern auf einer temporalen Karte einzuordnen. Nicht: Diese Gesellschaft ist anders. Sondern: Diese Gesellschaft ist früher.

Das 19. Jahrhundert hat dieses Denken systematisiert. England galt als die Zukunft. Nordamerika als die nahe Zukunft. Indien als Gegenwart auf dem Weg. Afrika als Vergangenheit. Die Einordnung war nicht neutral. Sie hatte direkte politische Konsequenzen. Wer als temporal rückständig gilt, dessen Institutionen, Kulturen und Eigentumsrechte gelten als nicht schützenswert. Wessen Land als „leere Seite“ konstruiert wird, kann kolonisiert werden, nicht trotz, sondern wegen des Fortschrittsdenkens.

Jonathan White zeigt in In the Long Run (2024), wie die Futuristen dieser Logik eine ästhetische Dimension verliehen haben: Marinetti und sein Kreis sahen in den Kolonien die perfekten Laboratorien der Moderne. Blank slate. Kein störendes Erbe. Kein Ballast der Vergangenheit. Die Kolonie als Ort, an dem die Zukunft ohne Widerstand gemacht werden kann.

Eritrea und Äthiopien: die faschistische Utopie als Beispiel

Asmara, die Hauptstadt des heutigen Eritrea, hat ein bemerkenswertes architektonisches Erbe: modernistische Bauten aus der Zeit der italienischen Kolonialherrschaft in den 1930er Jahren, darunter die Fiat Tagliero-Tankstelle, ein Gebäude in Form eines Flugzeugs mit dreißig Meter Spannweite. Heute UNESCO-Weltkulturerbe. Damals: Ausdruck eines futuristischen Staatsbauprojekts, das ein „neues Rom“ in Nordostafrika errichten wollte.

Das Problem war nicht die Architektur. Das Problem war, was dafür getan werden musste. Die ansässige Bevölkerung wurde aus dem Stadtbild gedrängt. Eigentumsrechte wurden ignoriert. Kulturelle Artefakte, darunter der Obelisk von Aksum, wurden als Trophäen nach Rom verschifft. Die „leere Seite“, auf die die Kolonisatoren ihre Zukunft zeichneten, war alles andere als leer. Aksum hatte Handelsbeziehungen mit Europa, Afrika und Asien, als Rom noch eine Kleinstadt war.

Die Fiktion der leeren Seite war ideologisch notwendig, um die Zerstörung des Vorhandenen zu legitimieren. Zeitzonenpolitik ist keine Metapher. Sie hat Tote produziert.

„Entwicklungsländer“ — die fortgesetzte temporale Hierarchie

Der Begriff klingt harmlos. Er steht in Weltbank-Berichten, in UN-Dokumenten, in Schulbüchern. Doch er enthält dieselbe Grundannahme wie Condorcets Satz: Es gibt eine Richtung der Entwicklung, und manche sind weiter als andere.

Low-income, middle-income, high-income, die Weltbank-Klassifikation nach Einkommen ist eine Fortschrittskarte mit anderen Etiketten. Das implizite Ziel ist high-income. Die Frage, ob eine andere Form des Wirtschaftens, eine, die weniger auf Wachstum und Ressourcenverbrauch baut, für manche Gesellschaften wünschenswerter sein könnte, ist in dieser Klassifikation nicht vorgesehen.

Tech-Solutionismus hat das aktualisiert. Wenn bestimmte Länder keine Festnetzinfrastruktur haben, überspringt man den Schritt und setzt auf Mobilfunk. Wenn es keine traditionellen Banken gibt, kommen Fintech-Apps. Die Botschaft lautet: Ihr müsst nicht denselben Weg gehen, aber ihr müsst in dieselbe Richtung. Wessen Richtung das ist, fragt selten jemand.

Was eine dekoloniale Zukunftspolitik bedeuten würde

Dekoloniale Zukunftspolitik bedeutet nicht die Umkehrung der Karte. Jetzt sind wir vorne, ihr hinten. Sie bedeutet die Infragestellung der Karte selbst. Die Anerkennung, dass verschiedene Gesellschaften verschiedene Vorstellungen von einem guten Leben haben können und dass diese Vorstellungen nicht auf einer einzigen Skala verglichen werden müssen.

Das ist unbequem. Es heißt, auf die Universalität bestimmter Entwicklungsmodelle zu verzichten, etwa auf die Idee, Demokratie plus Marktwirtschaft plus Wachstum sei die einzige zivilisatorisch akzeptable Kombination. Es heißt zu akzeptieren, dass andere politische Ökonomien existieren können, ohne Vorstufen auf dem Weg zum westlichen Modell zu sein.

Das ist kein Relativismus. Es ist die schlichte Konsequenz aus dem, was postkoloniale Theorie seit Jahrzehnten fordert: das Recht auf eine eigene Zukunft, nicht als Erlaubnis, die man erteilt, sondern als Selbstverständlichkeit, die man nicht verweigern kann.

Wer die Zukunft einer Gesellschaft definiert, definiert ihre Gegenwart. Das war die Macht des Kolonialismus. Sie ist nicht zurückgegangen. Sie hat sich nur bessere Kleider angezogen.


Häufig gestellte Fragen

Was ist die Zeitzonenpolitik des Kolonialismus?
Die Praxis, Gesellschaften nicht geografisch, sondern temporal zu verorten, also nicht als „anders“, sondern als „früher“. Gesellschaften galten als rückständig auf einem universalen Entwicklungspfad, dessen Spitze Europa darstellte. Diese Einordnung legitimierte die Missachtung von Eigentumsrechten, Kulturen und Institutionen kolonisierter Völker und ist also keine bloße Metapher.

Wie lebt die Zeitzonenpolitik in heutigen Begriffen weiter?
Begriffe wie „Entwicklungsland“ oder die Weltbank-Klassifikation nach Einkommensniveau reproduzieren dieselbe Grundstruktur: eine implizite Richtung, an deren Spitze high-income steht, und ein Vergleichssystem, in dem manche „weiter“ sind als andere. Die Frage, ob andere Wirtschaftsformen wünschenswert sein könnten, ist in dieser Klassifikation nicht vorgesehen. Tech-Solutionismus aktualisiert dasselbe Muster mit neuer Vokabel.

Was ist dekoloniale Zukunftspolitik?
Dekoloniale Zukunftspolitik bedeutet keine Umkehrung der temporalen Hierarchie, sondern eine Infragestellung der Karte selbst. Die Anerkennung, dass verschiedene Gesellschaften verschiedene Vorstellungen vom guten Leben haben können und diese nicht auf einer einzigen Entwicklungsskala vergleichbar sind. Es geht um das Recht auf eine eigene Zukunft als Selbstverständlichkeit, nicht als zu erteilende Erlaubnis.

Was hat der Faschismus mit kolonialer Zukunftspolitik zu tun?
Die italienischen Futuristen und der faschistische Kolonialismus in Eritrea und Äthiopien haben die koloniale Logik explizit gemacht. Kolonien galten als „blank slate“, als leere Seiten, auf die eine futuristische Moderne ohne historischen Widerstand geschrieben werden konnte. Die Architektur Asmaras, heute UNESCO-Weltkulturerbe, steht dafür, produziert auf Kosten der Verdrängung der ansässigen Bevölkerung und der Plünderung ihrer kulturellen Artefakte.


Jonathan White: „In the Long Run: A Political History of the Future“. Princeton University Press, 2024.

Dieser Beitrag erscheint auf mediapunk.org und wurde von Konrad Fux verfasst.