Kurzfassung: Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hat die Zukunft privatisiert. Aus einem geteilten Morgen, das politisch erkämpft wurde, wurde eine individuelle Trajektorie, die man kauft, optimiert, scrollt. Eine Lektüre von Jonathan Whites In the Long Run (2024) über Konsumismus, Neoliberalismus, Algorithmen und das, was Demokratie strukturell verliert, wenn das Gemeinsame zerfällt.
„Never before a Lincoln so long… and so longed for! America, we are happy to report, has completely lost its heart to this completely new car.“ Eine Werbeanzeige aus dem Jahr 1957, für einen Wagen namens Lincoln Futura, der später zum Batmobile wurde. Spannend ist nicht die Karosserie. Spannend ist die Grammatik: Die Zukunft als Objekt. Die Zukunft als Kaufentscheidung. Die Zukunft als etwas, das man sich leistet, oder eben nicht. Jonathan White zeigt in In the Long Run (2024), dass diese Grammatik mehr als Werbesprache war. Sie war der Beginn der Privatisierung des Morgens.
Was kollektive von individueller Zukunft unterscheidet
Eine kollektive Zukunft ist ein gemeinsam vorgestelltes Morgen, das politisch erkämpft und institutionell gestaltet wird. Arbeiterbewegungen, Bürgerrechtsbewegungen, Klimabewegungen, sie alle bauen auf der Überzeugung, dass die eigenen Probleme auch die der anderen sind und gemeinsames Handeln Wandel erzeugt.
Eine individuelle Zukunft hingegen läuft entlang der biographischen Trajektorie der Einzelperson: Karriere, Eigentum, Konsum, persönliche Entwicklung. Ihre politische Form ist die Kaufentscheidung statt der Partei, der Jobwechsel statt des Streiks, der Exit statt der Stimme.
White argumentiert, dass die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts in westlichen Demokratien eine Verschiebung von kollektiver zu individueller Zukunftsorientierung erlebt hat. Und dass das nicht zufällig geschah.
Konsumismus als erste Privatisierung der Zukunft
Im 19. und frühen 20. Jahrhundert war die Zukunft überwiegend kollektiv gedacht: als Nation, als Klasse, als Partei, als Bewegung. Der Wohlstand der Nachkriegszeit hat das aufgebrochen. Die bessere Zukunft war plötzlich nicht mehr etwas, das man gemeinsam erkämpft, sondern etwas, das man kauft. Das Eigenheim. Das Auto. Die Waschmaschine. Jede Konsumgütergeneration hat den Zeithorizont individualisiert und zugleich verkürzt.
Die Automobilindustrie entwickelte ihr eigenes Instrument dafür: die „planned obsolescence“, die geplante Veralterung. Anfangs nicht durch schlechtere Qualität, sondern durch Wahrnehmungsmanagement. Jedes neue Modell machte das vorherige zur Vergangenheit. Konsum als permanentes Update. Die Zukunft als Produkt mit Jahresabo.
Aus Marketingstrategie wurde Weltanschauung. Der Mensch als rationaler Nutzenmaximierer, der in seine eigene Zukunft investiert. Der Staat als Hürde oder bestenfalls Enabler individueller Projekte.
Neoliberalismus als Ideologie der individuellen Zukunft
Margaret Thatcher hat es auf eine Formel gebracht: „There is no such thing as society.“ Nur Individuen und Familien. Das war keine soziologische Beschreibung. Es war ein politisches Programm. Wenn es keine Gesellschaft gibt, gibt es keine kollektive Zukunft. Dann gibt es nur Millionen individueller Trajektorien, die im Markt aufeinanderprallen.
Die Konsequenz für demokratische Politik war tiefgreifend. Parteien adressierten Menschen nicht mehr als Mitglieder eines Kollektivs, also als Arbeiterinnen, Migranten, Rentnerinnen, sondern als individuelle Konsumenten auf dem Politikmarkt. Wähler mit Präferenzen, die man bedienen kann. Manifeste wurden länger und konkreter, und verloren dabei genau die Funktion, die sie einmal hatten: Vision eines gemeinsamen Projekts. Eine Einkaufsliste ist kein Manifest.
Die algorithmische Vollendung der Privatisierung
Was der Neoliberalismus angefangen hat, vollenden Algorithmen. Nicht absichtlich, aber konsequent. Der Feed zeigt, was mich interessiert, nicht, was die Gemeinschaft diskutiert. Die Produktempfehlung kennt meine Vorlieben, nicht die meiner Nachbarin. Die Spotify-Playlist kennt meine Stimmungen, nicht den Zeitgeist.
Klingt bequem. Ist es auch. Genau darin liegt das Problem.
Algorithmen gruppieren Menschen nach Eigenschaften, aber in Gruppen, die für ihre Mitglieder unsichtbar sind. „People who bought this book also bought these“ erzeugt eine Gemeinschaft, die sich selbst nicht kennt, keine gemeinsamen Ziele hat, kein politisches Subjekt bildet. Sie ist targetable, aber nicht organisierbar. Sie kann konsumiert, aber nicht mobilisiert werden.
Dazu kommt die Logik der Credit Scores und anderer datenbasierter Bewertungssysteme: Sie präsentieren jedem Menschen eine individuelle Zukunft, errechnet aus individuellen Vergangenheitsdaten. Das verstärkt eine Perspektive, in der die eigene Situation als einzigartig und selbstverschuldet erscheint, statt als Teil struktureller Muster, die kollektiv veränderbar wären.
Was verloren geht, und warum es zählt
Demokratie hängt daran, dass Menschen glauben, ihre Probleme seien auch die anderer und gemeinsames Handeln an Regeln sei sinnvoll. Dieses Minimum an geteilter Zukunft ist nicht selbstverständlich. Es muss kultiviert werden, durch Institutionen, durch Parteien, durch eine Öffentlichkeit, die mehr ist als die Summe personalisierter Feeds.
Die Individualisierung der Zukunft ist nicht per se böse. Biographische Autonomie ist ein Wert. Exit kann legitim sein. Aber eine Gesellschaft, in der alle nur noch ihre eigene Zukunft optimieren, mit Schulden, Konsumentscheidungen und algorithmischen Empfehlungen, produziert keine politischen Kollektive mehr. Sie produziert Cluster ohne Selbstbewusstsein.
Was dann fehlt, ist die strukturelle Grundlage, auf der Solidarität handlungsfähig wäre. Solidarität als Gefühl bleibt. Sie hat nur kein Ufer mehr, an dem sie anlegen könnte.
Häufig gestellte Fragen
Was ist der Unterschied zwischen kollektiver und individueller Zukunft?
Eine kollektive Zukunft ist ein gemeinsam vorgestelltes und politisch gestaltetes Morgen, erkämpft durch Bewegungen, Parteien und Institutionen. Eine individuelle Zukunft fokussiert auf die biographische Trajektorie der Einzelperson: Karriere, Konsum, persönliche Entwicklung. Ihre politische Form ist der Exit statt der kollektiven Stimme.
Wie hat Neoliberalismus die Privatisierung der Zukunft vollendet?
Thatchers Formel „There is no such thing as society“ war kein soziologischer Befund, sondern ein politisches Programm. Ohne Gesellschaft keine kollektive Zukunft, nur individuelle Trajektorien im Markt. Parteien adressierten ihre Wähler als Konsumenten, nicht als Mitglieder eines Kollektivs. Manifeste wurden länger, verloren aber ihre Funktion als gemeinsame Projektvision.
Wie vollenden Algorithmen die Privatisierung der Zukunft?
Algorithmen optimieren auf individuelle Relevanz: Der Feed zeigt, was mich interessiert, nicht, was die Gemeinschaft bewegt. Credit Scores präsentieren eine individuelle Zukunft aus individuellen Vergangenheitsdaten und verdecken dabei die strukturellen Muster, die kollektiv veränderbar wären. Algorithmen erzeugen unsichtbare Gruppen, die targetable sind, aber nicht organisierbar.
Was geht verloren, wenn alle nur noch ihre eigene Zukunft optimieren?
Demokratie braucht das Minimum einer geteilten Zukunft: die Überzeugung, dass eigene Probleme auch andere betreffen und kollektives Handeln Wandel erzeugt. Eine Gesellschaft aus lauter individuell optimierten Trajektorien produziert keine politischen Kollektive mehr, sondern Cluster ohne Selbstbewusstsein. Was fehlt, ist nicht Solidarität als Gefühl, sondern ihre strukturelle Handlungsgrundlage.
Jonathan White: „In the Long Run: A Political History of the Future“. Princeton University Press, 2024.
Dieser Beitrag erscheint auf mediapunk.org und wurde von Konrad Fux verfasst.