Kurzfassung: „What gets measured, gets managed.“ Klingt pragmatisch, ist aber politisch hochbrisant. Was sich nicht messen lässt, verschwindet aus dem politischen Raum, und Gleichheit, Würde, Solidarität, Utopie lassen sich nicht in einen Index pressen. Eine Lektüre von Jonathan Whites In the Long Run (2024) über die Technokratisierung der Zukunft, von den Physiokraten bis zur Meinungsforschung.
Es gibt einen Satz, der seit Jahrzehnten durch Managementtrainings, Politikberatungen und Strategiepapiere geistert: „What gets measured, gets managed.“ Klingt pragmatisch. Klingt nach solider Entscheidungsfindung. Was der Satz aber verschweigt, ist sein Kehrschluss: Was sich nicht messen lässt, wird auch nicht verwaltet, und verschwindet damit aus dem politischen Raum. Gleichheit. Würde. Solidarität. Utopie. Lauter Dinge, die in keinen Index passen. Und deren politischer Einfluss seit der Mitte des 20. Jahrhunderts kontinuierlich geschrumpft ist. Zufall?
Was Utopie und Prognose unterscheidet
Prognosen und Utopien sind zwei fundamental verschiedene Arten, mit der Zukunft umzugehen. Eine Prognose extrapoliert die Gegenwart und sagt, was wahrscheinlich passiert, wenn die Trends so bleiben. Eine Utopie entwirft einen Sollzustand und sagt, was wünschenswert wäre, unabhängig von der Wahrscheinlichkeit.
Jonathan White beschreibt in In the Long Run (2024), wie diese beiden Modi im 20. Jahrhundert in ein Machtverhältnis gerieten. Die „Scientification“ der Zukunft, ihre zunehmende Behandlung als berechenbares, quantifizierbares Objekt, hat die imaginative Kapazität der Demokratie zurückgedrängt. Prognosen schließen die Zukunft. Utopien öffnen sie.
Frank Knight und die vergessene Unterscheidung
1921 führte der Ökonom Frank Knight eine Unterscheidung ein, die akademisch bis heute Konsens ist und politisch kaum jemand interessiert: Er trennte „Risk“ von „Uncertainty“. Risiko bezeichnet Eventualitäten, deren Wahrscheinlichkeit man berechnen kann. Unsicherheit bezeichnet das genuine Unbekannte. Dinge ohne Präzedenz, weder vorhersehbar noch quantifizierbar.
Das Kalkül moderner Wirtschafts- und Regierungspolitik behandelt fast alles als Risiko. Als wäre die Zukunft ein statistisches Problem, das man mit genug Daten lösen kann. Als hätte Frank Knight nichts geschrieben. Diese Ausweitung des Risikobegriffs auf Bereiche echter Unsicherheit ist eine politische Entscheidung. Sie nützt jenen, die Zugang zu den Modellen haben, und benachteiligt alle, die in den Modellen nicht vorkommen.
Von Quesnay zu GDP: die lange Karriere des Zählens
Die Faszination, Gesellschaft quantitativ zu erfassen und daraus Zukunftspolitik abzuleiten, ist nicht neu. Jonathan White zeigt, wie die Physiokraten des vorrevolutionären Frankreich, um den Ökonomen und königlichen Leibarzt François Quesnay, eine „économie table“ entwickelten. Eine mathematische Darstellung des gesellschaftlichen Reichtumsflusses, aus der Regierungsentscheidungen abgeleitet werden sollten. Jean-Jacques Rousseau wies das scharf zurück: „Ihr System ist gut für die Menschen in Utopia; für Kinder Adams ist es wertlos.“
Zweihundert Jahre später entsteht das Bruttoinlandsprodukt als nationaler Wohlstandsindikator und wird flott zum zentralen Maßstab politischen Erfolgs. Was GDP nicht misst: Verteilungsgerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit, demokratische Lebendigkeit, soziale Kohäsion. Was GDP misst: Transaktion, Wachstum, Output. Wenn die Pflegerin zuhause bleibt, um ihre kranke Mutter zu pflegen, fällt der Indikator. Wenn dieselbe Pflege im Pflegeheim eingekauft wird, steigt er. Anreize, würde man sagen. Fortan wird Gesellschaft als etwas verwaltet, das man wachsen lassen muss. Gestaltungsanspruch geht in der Übersetzung verloren.
Warum Kalkulation demokratieschädlich werden kann
Die politische Schlagseite der Kalkulation liegt in einer strukturellen Eigenschaft: Sie setzt stabile Präferenzen voraus. Um etwas zu berechnen, muss man davon ausgehen, dass die Ziele heute dieselben sind wie morgen, dass Menschen wollen, was sie schon immer gewollt haben. Das ist exakt das Gegenteil dessen, was demokratische Politik leisten soll.
Ein Wahlkampf ist ein Kampf um veränderte Präferenzen. Eine politische Bewegung verschiebt, was Menschen wollen. Der New Deal hat nicht nur Arbeitsplätze geschaffen. Er hat verändert, was Bürgerinnen und Bürger vom Staat erwarten dürfen. Das lässt sich im Nachhinein messen, aber nicht vorher kalkulieren. Wer nur das Berechenbare regiert, regiert ohne Gestaltungsanspruch.
Das Paradox der Prognose-Demokratie
Besonders symptomatisch ist der Umgang mit politischer Meinungsforschung. Seit George Gallup 1936 erstmals eine Präsidentschaftswahl korrekt vorhergesagt hat, ist das Messen und Vorhersagen öffentlicher Meinung zu einem eigenen Politikinstrument geworden. Parteien optimieren ihre Botschaften auf Umfragedaten. Regierungen interpretieren Zustimmungswerte als Legitimationsgrundlage. Bürgerinnen und Bürger werden, wie White formuliert, zu Zuschauern, die politische Outcomes vorhersagen, statt sie zu gestalten.
In der Vollendung ist das eine Form der Selbstabschaffung der Demokratie durch ihre eigenen Werkzeuge. Demokratie lebt davon, dass Menschen glauben, Meinungen könnten sich ändern und andere überzeugt werden. Eine Politik, die nur misst, was schon da ist, verengt den Raum des Möglichen.
Prognosen brauchen Imagination als Korrektiv
Das Argument ist nicht, Kalkulation abzuschaffen. Georg Simmel hatte recht: Die moderne Welt verlangt von ihren Teilnehmern den kalkulierenden Blick. Aber Kalkulation braucht Imagination als Korrektiv. Das Wissen, dass Zahlen nur einen Ausschnitt zeigen. Das Wissen, dass das Wünschenswerte nicht immer das Wahrscheinliche ist. Freiheit, Gleichheit, Solidarität. Das sind, wie White schreibt, „generative“ Ideen, die Orientierung geben, wo Berechnung aufgehört hat zu funktionieren.
Was wir gerade haben, ist vor allem Kalkulation. Die Imagination ist unterfinanziert.
Häufig gestellte Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Utopie und Prognose in der Politik?
Eine Prognose extrapoliert die Gegenwart und sagt, was bei Trendfortsetzung wahrscheinlich eintritt. Eine Utopie entwirft einen Sollzustand, unabhängig von Wahrscheinlichkeiten. Politisch entscheidend: Prognosen schließen den Raum des Möglichen, Utopien öffnen ihn. Jonathan White zeigt, wie die Dominanz von Prognosen die demokratische Vorstellungskraft zurückdrängt.
Was ist Frank Knights Unterscheidung zwischen Risk und Uncertainty?
Frank Knight trennte 1921 „Risk“ (berechenbare Eventualitäten) von „Uncertainty“ (genuines Unbekanntes ohne Präzedenz). Moderne Wirtschafts- und Regierungspolitik behandelt fast alles als Risiko, also als lösbares Datenproblem. Das ist politisch folgenreich, weil es jene bevorzugt, die Zugang zu Modellen haben, und alle benachteiligt, die in diesen Modellen nicht vorkommen.
Warum ist das Bruttoinlandsprodukt (GDP) ein politisch problematischer Indikator?
GDP misst Transaktion, Wachstum und Output. Es misst nicht Verteilungsgerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit oder soziale Kohäsion. Weil es zum zentralen Maßstab politischen Erfolgs wurde, wird Gesellschaft primär als etwas verwaltet, das wachsen muss, statt als etwas, das nach normativen Vorstellungen gestaltet wird. Was nicht messbar ist, fällt aus dem politischen Raum.
Warum schwächt Meinungsforschung die Demokratie?
Wenn Parteien ihre Botschaften auf Umfragedaten optimieren und Regierungen Zustimmungswerte als Legitimationsbeweis nehmen, werden Bürgerinnen zu Zuschauern, die politische Outcomes vorhersagen statt gestalten. Demokratie lebt aber davon, dass Meinungen sich ändern können und andere überzeugt werden. Wer nur das misst, was schon da ist, verengt den Raum des Möglichen.
Jonathan White: „In the Long Run: A Political History of the Future“. Princeton University Press, 2024.
Dieser Beitrag erscheint auf mediapunk.org und wurde von Konrad Fux verfasst.