„In the long run“ – die gefährlichste Formulierung der Wirtschaftsgeschichte

Kurzfassung: Wer den Zeithorizont definiert, definiert auch, was in der Gegenwart zumutbar ist. Von Trickle-Down bis Longtermism sind politische Bewegungen immer auch Zeithorizont-Strategien. Eine Lektüre von Jonathan Whites In the Long Run (2024) und ein Blick auf die Politik, die sich hinter Geduld versteckt.


John Maynard Keynes hat einen Satz gesagt, der seither in keinem Ökonomiestudium fehlt: „In the long run, we are all dead.“ Er meinte das als Spitze gegen Kollegen, die mit dem langen Atem der Geschichte argumentierten, während Menschen in der Gegenwart hungerten. Was als demokratischer Einwand gedacht war, hat in der politischen Ökonomie eine seltsame Karriere gemacht. Wer den Zeithorizont definiert, definiert nämlich auch, was in der Gegenwart zumutbar ist. Und das ist, spätestens seit Reagan und Thatcher, keine ökonomische Frage mehr. Sondern eine zutiefst politische.

Was politische Zeithorizonte sind und warum darum gestritten wird

Politische Zeithorizonte bezeichnen den Zeitraum, auf den sich politisches Handeln bezieht. Kurze Horizonte priorisieren das Sichtbare: Umfragewerte, Quartalsberichte, den nächsten Wahltermin. Lange Horizonte zielen auf Generationen, strukturellen Wandel oder ideologische Großprojekte.

Jonathan White zeigt in In the Long Run (2024), wie beide Horizonte historisch zu politischen Waffen geworden sind. Die frühen liberalen Ökonomen des 19. Jahrhunderts liebten die ferne Zukunft. Mit ihr ließ sich praktisch jede gegenwärtige Ungerechtigkeit weiterreichen. Die Märkte würden sich einpendeln. Der Wohlstand würde trickeln. Der Fortschritt käme schon. Irgendwann. Der lange Atem der Geschichte als Beruhigungsmittel für die Ungeduldigen.

Trickle-Down ist Zeithorizont-Politik in Wirtschaftssprache

Trickle-Down-Ökonomie ist ein Argument über Zeithorizonte, das sich als Wirtschaftsmodell verkleidet. Die Behauptung: Gegenwärtige Ungleichheit ist ein vorübergehendes Phänomen auf dem Weg in eine bessere Zukunft. Die Gewinne der Reichen werden schon ankommen. Reaganomics, Thatcherismus, Liz Truss‘ 49-Tage-Experiment im Herbst 2022 stützen sich alle auf dieselbe Grundannahme: Die Menschen von heute sind Statisten in einem Film, dessen Sinn sich erst in fünfzig Jahren erschließen soll. Bis dahin bitte schweigend Popcorn essen.

Demokratisch ist das ein Skandal. Demokratie funktioniert mit Mandatsperioden, mit lebenden Wählerinnen, mit Menschen, die die Folgen einer Entscheidung selbst erleben sollen. Wer Versprechen in eine Zukunft auslagert, die kein Wähler mehr überprüfen kann, entzieht sich der demokratischen Verantwortung in dem Moment, in dem er sie aufruft.

Die Gegenseite: revolutionäre Ungeduld und das Warten auf den Reifegrad

Die andere Seite des Spektrums hatte das umgekehrte Problem. Robert Owen, Wilhelm Weitling und die frühen Sozialisten wollten alles sofort. Karl Marx hielt das für naiv und bestand auf strukturellen Bedingungen, die erst reifen müssten. Analytisch hatte er recht. Politisch hat er damit eine Denkfigur geöffnet, die seither endloses Warten legitimiert: solange die Bedingungen nicht reif sind, solange das Bewusstsein nicht hoch genug ist, bleibt der Wandel zurückgestellt.

Die politische Partei, schreibt White, war der Versuch, diese Spannung produktiv aufzulösen. Konkrete Forderungen im Jetzt, kombiniert mit einem langfristigen kollektiven Projekt. Das hat ein paar Jahrzehnte funktioniert, solange Parteien beides ernstgenommen haben.

Warum der Kompromiss heute zerfällt

Heute ist das vorbei. Parteien sind Wahlmaschinen ohne Horizont. Ihre Manifeste sind, wie White zeigt, drastisch gewachsen, von zusammen 2.820 Wörtern aller britischen Parteien im Jahr 1900 auf über 52.000 im Jahr 1997. Mehr Wörter, weniger Richtung. Der Zeithorizont schrumpft auf den nächsten Wahltag.

Das hat Folgen. Wer nur bis zum Mandatsende rechnet, kann keine Klimapolitik machen. Wer nur in Quartalsschlagzeilen denkt, kann keine Rentenreform gestalten. Demokratie braucht beides: das Nahziel, das mobilisiert, und den Horizont, der Orientierung gibt. Fehlt der Horizont, bleibt Karrierepolitik mit besserer PR.

Die neue Geduld-Industrie: Longtermism

Longtermism ist eine politisch-philosophische Bewegung, geprägt unter anderem in Oxford von William MacAskill und Nick Bostrom. Die Kernthese: Weil in der Zukunft potenziell Billionen Menschen existieren könnten, überwiegen ihre Interessen massiv die der heute Lebenden. Heutige Ungleichheit ist demgegenüber zweitrangig. Was zählt, ist, dass die Menschheit existentielle Risiken übersteht.

Das klingt zunächst konsequent. Strukturell ist es aber haargenau Trickle-Down: Die Gegenwart wird zur Vorstufe degradiert, die Menschen von heute zu Statisten in einem Projekt, dessen Parameter ein kleiner Kreis von Philosophen und Tech-Milliardären für sich definiert. Wer den Preis dieser Geduld zahlt, fragen die Longtermisten erstaunlich selten. Stimmungskiller wäre es auch.

Wer den Zeithorizont definiert, bestimmt die Zumutbarkeit. Damals wie heute. Es gehört zu den folgenreichsten politischen Fragen unserer Zeit, dass sie kaum jemand als solche stellt. Steht doch da.


Häufig gestellte Fragen

Was sind politische Zeithorizonte?
Der Zeitraum, auf den sich politisches Handeln bezieht. Kurz heißt: Wahlperiode, Quartal, nächste Schlagzeile. Lang heißt: Generationen, struktureller Wandel, ideologische Großprojekte. Beide Horizonte werden historisch politisch instrumentalisiert, um Zumutbarkeiten in der Gegenwart zu legitimieren oder abzuwenden.

Warum ist Trickle-Down aus Zeithorizont-Perspektive ein Problem?
Trickle-Down ist ein Zeithorizont-Argument im Wirtschafts-Kostüm. Heutige Ungleichheit wird als Übergangsphänomen verbucht, die Gewinne der Reichen sollen irgendwann ankommen. Demokratisch problematisch ist das, weil das Versprechen in eine Zukunft verlagert wird, die kein heutiger Wähler mehr überprüfen kann. Damit wird Verantwortung im Moment der Entscheidung umgangen.

Was ist Longtermism und woran krankt die Idee?
Longtermism ist eine philosophische Bewegung (William MacAskill, Nick Bostrom), die fordert, zukünftige Generationen moralisch höher zu gewichten, weil in fernen Jahrhunderten Billionen Menschen existieren könnten. Strukturell ist die Verwandtschaft zu Trickle-Down auffällig: Die Gegenwart wird zur Durchgangsstation, die heutigen Menschen zu Statisten in einem Projekt, dessen Parameter eine kleine Elite definiert. Demokratische Legitimation? Fehlanzeige.

Warum tun sich Parteien heute schwer mit langfristiger Politik?
White zeigt: Parteien haben sich zu Wahlmaschinen ohne Horizont entwickelt. Ihre Programme sind von 2.820 Wörtern (alle britischen Parteien zusammen, 1900) auf über 52.000 (1997) gewachsen, dabei inhaltlich aber geschrumpft. Mehr Detailversprechen, weniger Richtung. Strukturelle Vorhaben wie Klimapolitik oder Rentenreform brauchen Zeithorizonte, die Wahlperioden überschreiten. Mit der heutigen Logik der Wahlmaschine passt das schlecht zusammen.


Jonathan White: „In the Long Run: A Political History of the Future“. Princeton University Press, 2024.

Dieser Beitrag erscheint auf mediapunk.org und wurde von Konrad Fux verfasst.