Kurzfassung: Politische Impulsivität wirkt wie Charakter, ist aber Strategie. Inszenierte Unberechenbarkeit hält Gegner, Verbündete und Institutionen auf Trab und zersetzt demokratische Verfahren weniger durch Frontalangriff als durch Erschöpfung. Eine Linie von Marinettis Futurismus zu Trumps Regierungsstil, mit Jonathan White, In the Long Run (2024).
„Wir wollen die Museen zerstören, die Bibliotheken, die Akademien jeder Art.“ Filippo Tommaso Marinetti schrieb das 1909 auf der Titelseite des Figaro, mit der Überzeugung eines Mannes, der an etwas glaubt, das größer ist als Vernunft. Das Futuristische Manifest war kein Kunstprogramm. Es war eine Regierungsphilosophie in Nuce: Die Zukunft braucht keine Begründung. Das Neue braucht keine Verbindung zum Alten. Bewegung ist Wert. Stillstand ist Tod. Fünfzehn Jahre später sagte Benito Mussolini: „Ohne Futurismus hätte es keine faschistische Bewegung gegeben.“ Daran sollte man sich erinnern, wenn man heute über politische Ästhetik nachdenkt.
Was politische Impulsivität ist und woher ihre Anziehungskraft kommt
Politische Impulsivität ist eine Orientierung auf die Zukunft, die Kontinuität verweigert. Sie weist die Idee zurück, dass heutige Entscheidungen auf gestrigen aufbauen, dass Versprechen bindend sind, dass Institutionen Orientierung bieten. Jonathan White zeigt in In the Long Run (2024), dass das nicht Irrationalität ist, sondern eine Strategie der Unberechenbarkeit.
Die Anziehungskraft hat eine emotionale Tiefenlogik. Wer das Gefühl hat, dass das System erstarrt ist, dass Parteien dasselbe sagen, dass Institutionen sich nicht bewegen und die Zukunft wie die Gegenwart wie die Vergangenheit aussieht, der wird empfänglich für die Ästhetik des Bruchs. Der Versprecher, dass jetzt mal kurz alles anders wird, fängt das Gefühl auf, schon bevor er etwas inhaltlich verspricht.
Die Futuristen und die Erfindung der politischen Disruption
Die italienischen Futuristen waren die erste Bewegung, die Disruption nicht als bedauerlichen Nebeneffekt ihrer Programmatik, sondern als Programm selbst verstanden. Ihre „Futuristischen Abende“, Veranstaltungen, bei denen Publikum und Künstler gezielt zur Konfrontation gebracht wurden, bei denen Flaggen verbrannt, Stühle geworfen und für dieselben Sitze mehrfach Eintrittskarten verkauft wurden, waren die Jerry-Springer-Show ihrer Zeit. Chaos als politisches Happening.
Was Marinetti „Worte in Freiheit“ nannte, Texte, in denen Buchstaben zu Klang wurden, statt Bedeutung zu transportieren, war auch eine politische Aussage: Deliberation ist langsam, Sprache ist Fessel, Aktion ist Wahrheit. Zang Tumb Tumb, sein 1914 erschienenes Lautgedicht über das Schlachtfeld, war kein Poem über den Krieg. Es war ein Manifest gegen die Idee, dass Politik überhaupt erklärt werden muss.
Faschismus als „Politics without Principles“
Wohin eine Politik der radikalen Diskontinuität führt, hat der Faschismus vorgeführt. Nicht zu Erneuerung, sondern zu einem System, das sich permanent selbst widerspricht und genau darin Stärke findet. Ein zeitgenössischer Sympathisant Mussolinis formulierte es so: „Faschismus ist keine Philosophie. Noch weniger ist er eine Religion. Wenn er ein Programm angekündigt hat, hat er es verlassen, sobald es sich als unvereinbar mit dem Prinzip des Faschismus erwies. Der Faschismus war nie bereit, seine Zukunft zu kompromittieren.“
Das war keine Schwäche. Das war Strategie. Unberechenbarkeit als Machtinstrument. Wer sich nicht festlegt, kann nicht beim Wort genommen werden. Wer ständig neu erfindet, entzieht sich der Kritik. Wer Impulsivität als Authentizität verkauft, macht Fehler zu Freiheitsbeweisen.
Donald Trump als zeitgenössischer Beleg
White scheut den Gegenwartsbezug nicht. Donald Trump sei das bisher eindrücklichste Beispiel für die politische Wirksamkeit inszenierter Impulsivität. Handelszölle angekündigt, zurückgenommen, verschärft, aufgeschoben, alles innerhalb von Stunden. Allianzen über Nacht aufgekündigt. Institutionen ostentativ ignoriert. Der Effekt ist immer derselbe: die Aura eines Mannes, der das System nicht braucht, weil er selbst das System ist.
Übersehen wird dabei, dass Unberechenbarkeit kein Temperamentsdefekt ist, sondern eine kalkulierte Strategie. Wer die Erwartungen anderer ständig durchkreuzt, hält alle auf Trab: Gegner, Verbündete, Regulierer, Journalisten. Der Aufwand, mit dem unberechenbare Akteure beobachtet werden müssen, ist selbst eine Form der Machtausübung.
Was Demokratie dagegen setzt, und warum das schwer ist
Demokratische Institutionen sind auf Kontinuität gebaut. Gesetze gelten bis auf Widerruf. Verträge sind bindend. Entscheidungen müssen begründet werden und sind anfechtbar. Das alles setzt voraus, dass die Akteure, die heute miteinander verhandeln, morgen noch dieselben Versprechen gelten lassen.
Eine Politik der permanenten Disruption zersetzt diese Grundlage langsam, durch Erschöpfung. Wenn man nie weiß, was gilt, hört man irgendwann auf, dem Gelten zu vertrauen. Dann wird Demokratie zur Form ohne Substanz, eine Hülle, aus der die deliberative Grundlage herausgetreten ist.
Das ist die eigentliche Gefahr der Impulsivitätspolitik. Nicht ihre Radikalität, ihre Erosionskraft. Marinetti wollte die Museen einreißen. Heute reicht der Newsfeed.
Häufig gestellte Fragen
Was ist politische Impulsivität, und ist sie nur ein Temperamentsproblem?
Politische Impulsivität ist eine politische Strategie, die Kontinuität bewusst verweigert: Versprechen sind nicht bindend, Institutionen bieten keine Orientierung, Überraschung ist Wert. Jonathan White zeigt, dass es sich um eine kalkulierte Strategie der Unberechenbarkeit handelt, die anderen Akteuren Orientierung entzieht und so Macht sichert.
Was haben Marinettis Futurismus und heutiger Rechtspopulismus gemeinsam?
Beide arbeiten mit der Ästhetik des Bruchs und mit dem Versprechen, dass das Neue keine Verbindung zum Alten braucht. Marinettis Futuristische Manifeste und seine inszenierten Abende, Chaos als politisches Happening, sind die historischen Vorläufer der Disruptions-Ästhetik, die in heutigen populistischen Bewegungen wirksam ist. Mussolini selbst hat den Futurismus als Vorläufer des Faschismus anerkannt.
Wie funktioniert Unberechenbarkeit als Machtinstrument?
Wer die Erwartungen anderer ständig durchkreuzt, zwingt alle Beteiligten, also Gegner, Verbündete, Medien und Regulierer, zur permanenten Beobachtung. Dieser Aufwand ist selbst eine Form von Macht. Außerdem entzieht sich Unberechenbarkeit der Kritik. Wer kein Programm hat, kann nicht beim Wort genommen werden.
Wie reagieren demokratische Institutionen auf Politik der Disruption?
Demokratische Institutionen sind auf Kontinuität ausgelegt: bindende Verträge, begründbare Entscheidungen, anfechtbare Urteile. Eine Politik permanenter Disruption greift diese Grundlagen nicht frontal an, sondern höhlt sie durch Erschöpfung aus. Wer nie weiß, was gilt, hört irgendwann auf, dem Gelten zu vertrauen. Demokratie wird zur Form ohne Substanz.
Jonathan White: „In the Long Run: A Political History of the Future“. Princeton University Press, 2024.
Dieser Beitrag erscheint auf mediapunk.org und wurde von Konrad Fux verfasst.