Wie ‘live’ ist live – und wie neue Technologien zur medialen Demokratisierung von Großevents beitragen

Warum „live“ weder live ist und die Realität bei der EURO 2016 einer manipulativen Marketinginszenierung geopfert wurde – Antworten darauf, und auf die Frage, warum gerade der Facebook-Livestream regulierend eingreifen kann, gibt’s im aktuellen Blogbeitrag. 

Wer kann sich noch an “Nipplegate” erinnern? Eine eigentlich nicht der Rede werte Einlage während einer Superbowl Halftime Show, bei der Janet Jacksons Brustwarze zu sehen war. Entsprechend der Reaktionen muss das wohl tausende zart besaitete Zuseher, die sich nicht an Kopf voran ineinander krachenden Fleisch- und Hormonbergen stoßen, dermaßen an ihre psychischen Belastungsgrenzen gebracht haben, dass es Anlass für eine Zäsur in der Ära der Live-Übertragungen …ähm… “begründete”:

 

Als „live“ seine Unschuld verlor…

“Live” war von da an nicht mehr live, sondern wurde tatsächlich um ein paar Sekunden zeitversetzt ausgestrahlt. Der Begriff wurde natürlich ohne mit der Wimper zu zucken weiter benutzt. Kaum auszudenken, wenn es nochmals zu einem derart fatalen Was-auch-immer-Gate käme, das die Welt erneut in ihren Grundfesten erschüttert. Verantwortungsbewusst wie man nunmal ist, hat man sich also dazu entschlossen, die Zuschauer fortan vor der brutalen Realität zu beschützen.

Böse Zungen behaupten, den letzten Rest von Journalismus im Rahmen solcher inszenierten Spektakel hat man dann doch eher aus Marketing- und Kontrollgründen geopfert. Der geneigte Konsument nimmt aber hin und hinterfragt nicht mehr.

Dieser Tage macht das auch die UEFA im Rahmen der EURO 2016 so – 2012 übrigens auch schon. In einer extravaganten Symbiose aus kapitalistisch-kommunistisch integrierter Herangehensweise verantwortet die UEFA das Weltsignal der TV-Übertragung, das von allen nationalen Fernsehanstalten übernommen wird. Ein maßgeschneidertes Fernseherlebnis – aus Sicht der UEFA.

Ein objektives für den Zuschauer? Keineswegs! So wurden die Krawalle im Stadion beim Vorrundenspiel zwischen England und Russland keines Fernsehbildes gewürdigt. Durch das beabsichtigte Aussparen dieser Fakten schickt die zentralistische Generalregie bewusst ein verzerrtes Realitätsbild in die Welt. Man könnte sagen, das ist manipulativ und aus medienethischer Sicht nicht mehr nur fragwürdig, sondern schlicht falsch. Man sollte das auch sagen. Wir haben uns wohl daran gewöhnt.

 

Livestreaming als regulierendes Mittel der Mediendemokratisierung?

Nun geben Periscope, Meerkat und natürlich der Facebook Livestream den einzelnen Nutzern und Besuchern das Werkzeug zur erneuten Objektivierung der Berichterstattung wortwörtlich selbst in die Hand. Wenn viele verschiedene Menschen ihre Sicht der Dinge wiedergeben, werden auch die unschönen oder dem Produkt widerstrebenden Informationen ihren Weg in die Welt finden – in Echtzeit.

 

Echtzeit statt live

Für Schadenfrohe hat diese Entwicklung eine besonders nette Fußnote parat: An die 99% der Besucher dieser angesprochenen inszenierten Spektakel haben ein Smartphone in der Tasche. Wenn ein paar davon dieses vor Ort nutzen, um vom Event einen Livestream online zu stellen, stilisieren sie sich damit nicht nur, wie gewohnt, selbst in Social Media-adäquater Weise. Nein. Sie sind Teil einer mannigfaltigen, demokratischeren und User-basierten Live-Berichterstattung, die einerseits keine politischen Statements, Ausschreitungen, Flitzer etc. bewusst ausblendet und andererseits tatsächlich live sendet.

Nun haben wir bereits gelesen, dass das zentralisierte Live-Signal für die Fernsehanstalten “zum Schutz des Sehers” ein paar Sekunden zeitversetzt ausgestrahlt wird. Die Logik sagt also: Der Livestream jedes Nutzers ist – im Gegensatz zum offiziellen Bild – tatsächlich live und in Echtzeit. Wer also wissen will, was tatsächlich gerade jetzt passiert, ist damit besser beraten. Vielleicht ist das Bild nicht schöner, aber ehrlicher.

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