Verlorene Unschuld: wenn Blogger Influencer sein möchten

Mit Blogs verhält es sich – wie mit vielen Bereichen der Kultur – so, wie es Jeremy Rifkin im Jahr 2000 vorausgesehen hat. Die nächste Entwicklungsstufe des Kapitalismus kennzeichnet eine Durchkommerzialisierung des kulturellen Sektors. In der Kommunikation wird dies etwa am Begriff “Content” deutlich. Diese Meta-These lässt sich überraschend einfach auf Blogs und Influencer Relations herunterbrechen.

Von Amateuren und Profis

In den Anfangszeiten waren die meisten Blogger Amateure im Wortsinn, die ihre Tätigkeit aus Liebhaberei ausgeführt haben. Heute streben immer mehr neue “Player” mit dem treibenden Gedanken dem “Markt” zu, ihre Blog-Tätigkeiten von vornherein als “Profi” (wieder im Wortsinne: um damit Geld zu verdienen) oder „Influencer“ zu betreiben. Allein die Transformation des Begriffs “Blog” zeigt dies recht klar: Die ersten Weblogs waren meist noch deutlich näher an tatsächlichen Online-Tagebüchern dran und von amateurhafter Natur, als es die relevanten Blogs dieser Tage mit ihrer klar definierten inhaltlichen Ausrichtung sind. Von Liebhaberei ist da vielfach nur mehr wenig übrig.

If you want it to be a business: call it a business!

Wenn ich als Blogger gegen Bezahlung einen Artikel schreibe, kann ich das natürlich machen. Dass man diesen dann als bezahlt ausweist, sollte ein selbstverständlicher Hygienefaktor sein – sollte, siehe Kennzeichnungspflicht. Das “Problem” dabei ist, dass Auftraggeber solcher Artikel vor allem Authentizität leasen wollen. Wie glaubwürdig aber ist ein Blog(er) noch, wenn ich seine Authentizität leasen kann? Deshalb verzichten viele lieber einfach auf die Kennzeichnung. Authentisch und integer zu bleiben ist eine Gratwanderung, besonders, sobald Geld im Spiel ist. Um wahrhaftig zu bleiben, muss die Möglichkeit bestehen, auch gegen den Auftraggeber anzuschreiben oder auf einen Beitrag mangels Relevanz schlicht zu verzichten. Tut man dies nicht – wie bei Profis üblich – hat sich die Frage nach der Authentizität sofort erledigt, noch schneller, wenn Lukrativität ein Faktor ist.

Liebhaber/in oder Professionelle/r – Wie hätten Sie’s denn gern?

Gleichzeitig muss ich mir als Blogger bewusst sein, dass ich meine Plattform gegen Geld verfügbar mache. Dadurch verlieren sie und ich an Souveränität und – wenn vorschriftsmäßig gekennzeichnet – unweigerlich an Authentizität. Ich stelle uns “in den Dienst eines niederen Zwecks” und “würdige uns dadurch herab”. Warum ist das so? Weil das Kapitalinteresse dann das Erkenntnisinteresse übersteigt und ersteres der niederere Zweck ist.

Dazu sollte ich sagen: Dies ist bewusst scharf formuliert – gerade weil es viele Blogs/Blogger/Influencer mit der Hygiene nicht so genau nehmen. Daher nehme ich mir das Recht heraus, das Pendel auch in die andere Richtung ausschlagen zu lassen. Darüber hinaus vermute ich, dass sich die Auftraggeberschaft dieser und ähnlicher Services noch wesentlich mehr herabwürdigt, aber genug dazu.

Blogger vs. Influencer

Der altmodische Begriff des Bloggers stellt noch das Medium ins Zentrum. Der Influencer ist die durchkommerzialisierte Form, die den Einfluss bzw. die Macht einzelner Subjekte auf und über eine möglichst große Anzahl an Menschen (der Zielgruppe – ein weiteres kommerzielles Signalwort) als maßgeblich definiert. Dabei ist das Medium bereits nicht mehr relevant, nur das Wirkungspotenzial. Dieses kann man natürlich auch aus Liebhaberei heraus entwickeln. Seine Unschuld in puncto Authentizität und Souveränität verliert der Influencer aber ab dem Zeitpunkt, ab dem er sein Wirkungspotenzial gegen Entgelt zur Verfügung stellt.

Natürlich kann man das alles machen und es ist nicht zwangsläufig verwerflich – das hängt dann wiederum von den handelnden Personen ab. Dennoch ist man gut beraten, zuerst sich selbst gegenüber ehrlich zu sein und diese Hintergründe nicht aus den Augen zu verlieren.

Zu meinen Erfahrungen mit MediaPunk.org:

Ich habe noch keine Inhalte gegen Entgelt erstellt oder vervielfältigt (ganz ehrlich: Wer sollte daran auch Interesse haben?). Einige interessante Kontakte und Termine ergeben sich aber immer wieder, was mich sehr freut. MediaPunk.org ist für mich einerseits ein Vehikel, um Gedanken, die ich nicht nur für mich behalten möchte, Raum zu geben, diese zu verdichten, zu kombinieren, im Idealfall weiter zu denken und schließlich zu verstehen; ganz nach Benjamin Disraeli: “The best way to become acquainted with a subject is to write about it.”

In diesem Sinne bin ich hier sehr gern Amateur. Der Blog hilft mir bei allerlei Gelegenheiten unter Beweis zu stellen, dass ich weiß, wovon ich spreche und ein wenig Ahnung von Kommunikation im Zeitalter der Digitalisierung habe. Diesen Status möchte ich beständig weiterentwickeln und nicht durch Zweifel an meiner Authentizität in Frage stellen.

Dieser Blogbeitrag ist im Rahmen der Bloggerparade #fairbloggerrelations entstanden.

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